„Wir geben der Trauer Raum und Zeit" -
Interview mit Markus und Gerhard Flossmann,
Inhaber und Geschäftsführer der Bestattung C. Müller,
Verwalter des Friedhofes St. Nikolaus.

St. Nikolaus´ Kirche und Friedhof bieten nicht nur von ihrer Architektur her eine eindrucksvolle Einheit. Sie sind so auch ein starkes Zeichen dafür, wie Kirche Gemeinschaft versteht: eine Gemeinschaft der Lebenden und Verstorbenen. Die Pflege des Friedhofes ist uns deshalb ein besonderes Anliegen. Seit 1. Juli 2013 hat unser Pfarrkirchenrat der Bestattung C. Müller die Verwaltung unseres Friedhofes übertragen. Anlass genug, um nach vier Jahren der Verantwortung ins Gespräch zu kommen:

Wo liegen die besonderen Herausforderungen des St. Nikolauser Friedhofs?

M. Flossmann: Wir müssen Altes mit Neuem verknüpfen: Alt ist der Friedhof, neu sind die Vorschriften. Zum Beispiel, welche Spritzmittel bei der Beseitigung des Grünbewuchses verwendet werden dürfen oder wie die Abfälle am Friedhof getrennt werden müssen. Rundherum ist vieles geschehen: die Dach- und Außensanierung der Kirche, der Friedhofskapelle und des Arkadenaufgangs. Ein noch offener Wunsch ist die Anlage eines WC im Bereich des Friedhofes.
G. Flossmann: Aufgefallen ist uns, wie klein die Grabmaße am Nikolauser Friedhof gehalten sind. Man möchte meinen, die Verstorbenen wurden stehend begraben. Das macht das Öffnen eines Grabes für eine weitere Beisetzung schwierig. Grabsteine müssen entfernt werden, manchmal auch die des angrenzenden Grabes. Da gibt es hin und wieder „Gebrumme", doch wenn wir auf die Grabbesitzer zugehen, geht es in der Regel gut. Deswegen bin ich auch viel am Friedhof und rede mit den Leuten. Zuerst höre ich: Das passt mir nicht und das auch nicht! Und wenn man dann auseinandergeht, weiß ich, wann die Tochter heiratet und das nächste Baby kommt...

Stirbt jemand, sind viele organisatorische Aufgaben zu bewältigen. Dafür bietet ihr Hilfe an. Ihr seid aber auch konkret mit der Trauersituation, dem Abschiedsschmerz der Hinterbliebenen konfrontiert. Wie geht ihr da damit um?

G. Flossmann: Wenn die Oma mit 95 Jahren stirbt, ist das bestimmt schwierig. Es ist aber anders, wenn ein junger Mensch oder ein Kind zu Grabe getragen wird. Ich muss mich als Bestatter in die Situation hineinversetzen: Wie geht es mir, wenn mir das passiert? Es heißt aber auch, einen klaren Kopf zu bewahren und die Schritte zu benennen, die anstehen und – wo es nötig ist – dabei zu unterstützen, damit eine möglichst den Bedürfnissen der Trauernden angemessene Begräbnisfeier stattfindet.
M. Flossmann: Wir sind in dieser Situation Ansprechpartner für so vieles. Die Kompetenz dafür kann man nicht am grünen Tisch erwerben, es die im Laufe der Jahre gesammelte Erfahrung, die einem zu gute kommt. Wichtig ist, sich Zeit für die Menschen zu nehmen. Das ist der Leitspruch unseres Bestattungsunternehmens: Der Trauer Raum und Zeit geben.

Wie seid ihr darauf gekommen, Bestatter zu werden?

G. Flossmann: Bei mir war das kein geradliniger Weg. Ich bin zwar in einer Bestatterfamilie aufgewachsen und habe deswegen viel von der Arbeit eines Bestatters mitbekommen, doch werden wollte ich keiner. Stattdessen machte ich in Hannover eine Ausbildung zum Samenkaufmann. Nach Innsbruck zurückgekehrt sollte ich die Samenhandlung Flossmann übernehmen, doch es kam anders. Carl Müller suchte einen Nachfolger. Ich wurde gefragt und am Ende zugestimmt. Nach Ablegen der einschlägigen Prüfungen und dem Zugeständnis, obwohl ich mit 21 Jahren noch nicht das dafür rechtlich nötige Alter hatte, übernahm 1967 die Bestattung Müller in Pacht. Alles hat in einem ganz kleinen, bescheidenen Rahmen angefangen.
M. Flossmann: Ich war fünfzehn, da hat mich mein Vater gefragt, ob ich Bestatter werden will. Ich habe „ja" gesagt, und die Entscheidung war getroffen. Ich bin mit dem Bestatter-Beruf groß geworden: In der ersten Klasse Volksschule habe ich meine Hausaufgabe im Büro meines Vaters erledigt. Meine Eltern haben viel gearbeitet, und ich habe feststellen müssen, dass es ein sehr anstrengender Beruf ist, der nicht am Freitag Mittag um 12 Uhr aufhört.

Wie sieht die Ausbildung zu diesem Beruf aus?

Eine kaufmännische Ausbildung wird vorausgesetzt und die erfolgreiche Teilnahme an der Unternehmerprüfung. Es folgen zwei Jahre Mitarbeit bei einem Bestatter, die schließt man ab mit der Bestatter-Prüfung. Im Gegensatz zu Deutschland ist in Österreich der Bestatter-Beruf kein Lehrberuf. Das Wichtigste für Bestatter ist, dass sie zuhören können müssen. Das zeichnet einen einen guten Bestatter aus. Ich helfe Menschen über diese Zeit des Abschieds.

Heute entscheiden sich deutlich mehr Menschen für die Urnenbeisetzung. Die klassische Erdbestattung ist dagegen stark rückläufig.

M. Flossmann: Nach der Statistik der Stadt Innsbruck sind beinahe 70 % der Beisetzungen Urnenbeisetzungen. Nach meinem Urteil flacht sich der bisher steigenden Trend ab, und es ist nach wie vor eine nicht geringe Zahl von Personen, die für sich keine Urnenbeisetzung will. Die derzeit noch freien Urnennischen werden schnell vergeben sein, es braucht noch mehr Nischengräber. Pflege braucht es bei der Nische generell wenig. Man kann aber auch ein Erdgrab so herrichten, dass die Pflege sehr gering ist. Gräber mit großer Steinplatte bedürfen keiner großen Pflege mehr. Man kann auch ein klassisches Erdgrab ohne weiteres als Urnenerdgrab weiterführen.

Die Begräbniskultur steht in einem großen Wandel. Wie erlebt ihr das?

M. Flossmann: Der katholische Begräbnisritus war lange Zeit im Bild gesprochen die einzig vorhandene „Bundesstraße". Im Zuge der allgemeinen Individualisierung baut man jetzt fünf „Straßen" nebeneinander, so vielfältig und bunt sind die Begräbnisriten geworden. Wir Menschen brauchen Rituale. Wer die kirchlichen Rituale nicht annimmt, wählt andere. Hier ist zu schauen, was für den St. Nikolauser Friedhof, der ein christlicher Friedhof ist, angemessen ist.
G. Flossmann: Die Begräbnisriten sind in der Regel uralt! Vielen Menschen sagen heute diese Riten nichts mehr. Wir spüren diese Unkenntnis und erleben den Versuch neuer Riten. Die selbstgebastelten Riten helfen mal mehr, mal weniger. Während meiner Berufsjahre hat sich dabei so viel verändert, dass wir oft gar nicht nachgekommen sind.
Früher war der Ablauf folgender: Der Verstorbene wird abgeholt und aufgebahrt im Friedhof, es gab aber im ländlichen Bereich auch Aufbahrungen zu Hause. Es werden ein oder zwei Rosenkränze gebetet – in der Stadt meist weniger. Am Tag des Begräbnisses wird das Requiem gefeiert, es folgen die Einsegnung, der Kondukt zum Grab, die Absenkung des Sarges. - Wie sieht es heute aus: Keine Aufbahrung, kein Rosenkranz mehr, das ist etwas Altvaterisches. Wie ich von meinen Reisen weiß, werden in anderen Kulturkreisen meist die überlieferten religiösen Riten strickt eingehalten. Das ist den Menschen selbst ein hohes Bedürfnis: Die Riten zur Feuerbestattung im Buddhismus, zur Himmelsbestattung in Tibet, während der Begräbnisfeier im Islam.

Die Bestattung C. Müller ist erreichbar in der Pradlerstr. 29, 0512 345151,
Fragen bzgl. der Friedhofsverwaltung werden beantwortet in der Verwaltungbüro im Speckweg 2a, 0512 294314.

Pfarre St. Nikolaus

Sankt-Nikolaus-Gasse 35, 6020 Innsbruck
Telefon: +43 676 87307082
Bürozeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag 17:00 Uhr - 18:00 Uhr, Freitag 10:00 Uhr - 12:00 Uhr


Volltextsuche

Hier finden Sie alles, was in unserer Pfarrgemeinde auf den ersten Blick verborgen ist.

Pfarre St. Nikolaus

powered by webEdition CMS