Kirche als gemeinschaftsbildender Ort – Interview mit Pfr. Hermann Röck

Mit 1. September schließen sich die Pfarren Hötting, Hungerburg und St. Nikolaus zum Seelsorgeraum zusammen. Damit endet Pfr. Hermanns Zeit als Pfarrprovisor St. Nikolaus. Seit 2009 hatte er diesen Dienst inne. Zum Abschied führte ich mit ihm folgendes Interview:

Wann wurdest du das erste Mal gefragt, ob du St. Nikolaus als Pfarre mitbetreust? Was hat dir den Ausschlag gegeben, diese Aufgabe zu übernehmen?

Im Frühjahr 2009 gab es von Seiten der Diözesanleitung die Überlegung, auch die Landschaftliche Pfarre Mariahilf in einen der in Innsbruck geplanten Seelsorgeräume einzubinden. Im Gespräch zwischen Bischof Manfred und Landtagspräsident DDr. Herwig van Staa, Generalvikar Jakob Bürgler, Personalreferent Franz Heidegger und mir wurde geklärt, dass das in diesem Fall nicht möglich ist, da die Pfarre Maria hilf eine Stiftung des Landes ist und die Arbeitskraft ihres Pfarrers zu 100 % der Landschaftlichen Pfarre zusteht. Auch im Pfarrgemeinderat wurde über das Anliegen der Diözese und die Stiftungsinteressen des Landes beraten. Hier signalisierte man grundsätzlich Offenheit, sich über die Pfarre hinaus in der Stadtseelsorge einzubringen. Am Ende einigte man sich darauf – die jährlich notwendige Genehmigung des Landes für die Nebentätigkeit des Pfarrers vorausgesetzt – dass der Mariahilfer Pfarrer als Pfarrprovisor die Pfarre St. Nikolaus mitbetreut. Bis dahin beschränkte sich das pfarrliche Miteinander auf die jährliche Fronleichnamsprozession und die Kooperation mit den Vereinen vor Ort.

Was waren für dich während deiner Zeit in der Pfarrverantwortung die größten Herausforderungen?

Im ersten Jahr meines Wirkens als Pfarrprovisor mussten mit Diakon Christian neue Wege des Miteinanders von Pfarrprovisor, Pfarrkurator und Pfarre gesucht werden. Dieses Miteinander bewährte sich ab 2010 mit dem Dienstantritt von Diakon Wolfgang bestens. Zur Herausforderung wurden die maroden Liegenschaften: das denkmalgeschützte Widum, das Pfarrheim und das Kirchendach. Letzteres holte uns schneller ein als erwartet. Doch in einer gemeinsamen konzertierten Aktion gelang es, innerhalb eines Jahres das Dach und die Außenhaut der Kirche zu erneuern und die Finanzierung sicherzustellen. Die Planung zur Zukunft von Widum und Pfarrheim ist komplex und steht unter dem Motto „Aus zwei mach eins". Im Laufe dieses Kalenderjahres werden hierzu weitere wichtige Entscheidungen getroffen, so dass mit hoher Wahrscheinlichkeit im Jahr 2018 konkrete bauliche Maßnahmen beginnen können.

Du feierst am Sonntag in St. Nikolaus wie in Mariahilf die Pfarrgottesdienste. Was gefällt dir an unserer Kirche? Wie erlebst du die St. Nikolauser Kirche als Ort für die Gottesdienste?

Ich gestehe: Je länger ich in diesem Gotteshaus die Gottesdienste feiere, desto besser gefällt mir die St. Nikolauser Kirche: Der Sakralraum in seiner Wirkung als ganzer ist wunderbar, gerade wenn viele den Gottesdienst mitfeiern. St. Nikolaus hat einen völlig anderen Raumcharakter als die Mariahilfer Kirche. Sie ist groß und dennoch aus einem Guß. Natürlich sehe ich auch, was im Innenraum noch alles zu machen ist. Als Hauptfrage stellt sich, wie die kleine „Sonntagsgemeinde" ihre Gottesdienste feiert, ohne sich in der großen Kirche zu verlieren.

Du weißt, wie die St. Nikolauser Pfarre um ihre zukünftige Präsens bemüht ist – und nicht nur um die räumliche. Wo siehst du die Besonderheiten der St. Nikolauser Pfarre, wo liegt Potential für die Zukunft?

Mit den St. Nikolausern kann man reden. Sie sind aufgeschlossen. Diese Offenheit spiegelt auch das Pastorale Leitbild wider, das der Pfarrgemeinderat mit Diakon Wolfgang in den letzten Jahren erarbeitet hat. Für die anstehenden Gespräche ist das bestimmt eine Hilfe, damit beim nun an gestrebten Miteinander im Seelsorgeraum auch das je Eigene gewahrt bleibt - und man sich als St. Nikolauser darin wiederfindet. St. Nikolaus geht es nicht anders wie wahrscheinlich den meisten Pfarren in unserem Land: Sie schrumpft, aber die Aufgaben bleiben die gleichen. Hoffnung macht mir, wie kompetent und engagiert in St. Nikolaus darum gerungen wird, wohin es mit der Pfarre in den nächsten Jahrzehnten geht. Und das trifft nicht allein auf unsere Stadtteile zu, sondern auf ganz Innsbruck, Tirol, ja, Europa. Sogenannte „XXL-Pfarren" werden nicht die Lösung sein. Nicht jeder Priester ist neben seiner seelsorglichen Begabung auch in der Lage, ein Management für Verwaltungseinheiten der Größenordnung von drei bis fünf Pfarren bisherigen Typs zu führen. Überforderung ist vorausgesagt. Unsere Ehrenamtlichen aus Pfarrgemeinderat (PGR) und Pfarrkirchen rat (PKR) werden im „Seelsorgeraum" (SR) nochmals ganz neu gefordert sein: Sie tra gen dann nicht nur Mitverantwortung für einzelne Segmente der Pfarre, sondern brauchen auch den Blick für das Ganze, um die eigene Pfarre lebendig zu erhalten.

Wo steht die Kath. Kirche in Tirol in 20 Jahren?

Kurienkardinal Stickler hat gesagt, die Volkskirche Westeuropas ́ ist gestorben. Meines Erachtens entwickelt sich derzeit die Kirche Tirols hin zu einer „verbeamteten" Kirche. Auf der einen Seite gibt es die ehrenamtlich engagierten Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder, auf der anderen Seite wird alles „verbeamtet". Da gibt es die kollektivvertraglich angestellte Jugendleiterin, gibt's für jeden Dienst ein Dekret. Ein Schreibtisch bringt den nächsten zur Welt. Worum es geht, sind Angebote zur Erfahrung von Gemeinschaft vor Ort. Hier hat Kirche nach wie vor ihre Bedeutung. Pfarren müssen als konkrete Orte von Gemeinschaft erkennbar bleiben. Selbst wenn es nur 30 oder 40 Personen sind wie am Sonntagsgottesdienst in St. Nikolaus. Der zunehmend individualistisch ausgeprägten Grundhaltung der Menschen in Westeuropa ist nicht anders zu begegnen. Kirche hat hier eine klare Aufgabe, dem entgegen zu wirken. Der Mensch lebt von seinen Beziehungen her. Die gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir stehen, können immer nur gemeinschaftlich gelöst werden.

Wie verstehst du deine Rolle als Priester?

Ich selbst bin unter völlig anderen Voraussetzungen angetreten, Priester zu werden. Nicht die Gestalt der Kirche hat eine Rolle gespielt, sondern Jesus und seine Botschaft. Auch die Begegnung mit Persönlichkeiten wie Roger Schütz haben mich geprägt. Von ihm stammt das Wort: Was du vom Evangelium verstanden hast, das setze um! Wenn ich denke, wie viele Lebensberater es gibt, dann zeigt das, welcher Bedarf wirklich gegeben ist. Seelsorger der Kirche werden nicht wahrgenommen, dass sie hier ein Angebot haben. Kirche steht nach wie vor als große Institution da, und große Institutionen werden heute nicht mehr ernst genommen. Dass Kirche nicht mehr ankommt, liegt nicht an ihren Mitarbeitern, nicht am Missbrauchsskandal oder Protzbau, sondern am Lebensgefühl, ich brauch ́ die Kirche und ihren Gott nicht! Mit einer Strukturreform allein kann ich dem nicht begegnen. Die bei uns herrschende religiöse Funkstille und Sprachlosigkeit kann nur überwunden werden durch ein persönlich authentisches Zeugnis religiösen Lebens, durch eine Ausstrahlung, da fühlt sich jemand im Leben getragen, ist davon überzeugt, dass Gott mit uns lebt.

Wo hältst du es für naheliegend, dass weiterhin Mariahilf und St. Nikolaus als Pfarren zusammenarbeiten?

Die Fronleichnamsprozession soll weiter hin gemeinsam stattfinden. Im Bereich der Sakramentenvorbereitung wird es möglicherweise Synergien geben, zum Beispiel bei der Firmung. Es muss sich nun erst herauskristallisieren, wohin der Weg der drei Pfarren geht, die jetzt den neuen Seelsorgeraum bilden. Wichtig ist natürlich auch, trotz veränderter Pfarrstruktur die gewachsene Zusammenarbeit mit den Traditionsvereinen von St. Nikolaus und Mariahilf zu pflegen. Allein die Vereinsnamen machen hier deutlich, was hier bei aller Verschiedenheit der Pfarrgrenzen zusammengehört.

Zu guter Letzt...

... möchte ich herzlich Danke sagen und Vergelt ́s Gott: Allen, die sich während meiner Zeit in St. Nikolaus für die Pfarre engagiert und eingesetzt haben, die mir wohlwollend begegnet sind. Und im besonderen dir, lieber Diakon Wolfgang, für dein engagiertes Wirken als Pfarrkurator in St. Nikolaus und dein Mitwirken in Mariahilf bei Gottesdienst, Predigt und Firmvorbereitung – da wirst du uns in Mariahilf abgehen. Jetzt wünsche ich bei allen Veränderungen, die für unsere Pfarren anstehen, viel Glück und viel Segen, gutes Gelingen!
Das Interview führte Diakon Wolfgang

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