Musikmachen ist wie mein Gebet,
manchmal mein Hilfeschrei, mein Dank.

Interview mit Christine Frisch-Rinderer

Als siebentes Kind wird Christine Frisch-Rinderer 1940 in eine Familie geboren, in der gemeinsames Singen und Musizieren selbstverständlich ist. Musik ist und bleibt im Leben der Hungerburgerin wesentlich. Ihr lebenslanges Engagement in der Musikpädagogik verdankt sie nicht zuletzt ihrem Vater, Hofrat Professor Dr. Leo Rinderer, dem Begründer der „Internationalen Schulmusikwochen" in Salzburg. Ziel dieser Kurse ist es, LehrerInnen erfahren zu lassen, wie Kinder und Jugendliche durch musische Erziehung in ihrer Persönlichkeitsentwicklung bereichert werden können.

Wie kann man sich die „Internationalen Schulmusikwochen" vorstellen?

Mein Vater war Fachinspektor für Musik in Tirol, Salzburg und Vorarlberg. Ihn trieb die feste Überzeugung, auch Lehrer müssen sich fortbilden. Deshalb gründete er 1954 die „Internationalen Schulmusikwochen". Sie folgen dem Ziel, für einen guten Musikunterricht in der Schule Angebote und Beispiele zur Persönlichkeitsbildung junger Menschen zu machen – nicht, um Genies „heranzuzüchten", sondern um allen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, in die Welt der Musik einzutauchen und daraus fürs ganze Leben zu profitieren.

Ich glaube mein Vater war damals mit so einem bahnbrechenden Konzept europaweit der Erste. 1985 begann ich diese Fortbildungswochen nach meinem Vater zu leiten. Die Schulmusikwochen dauern rund eine Woche. Jeden Tag wechseln Stunden im Plenum mit Stunden in Kleingruppen und Einzelunterricht. Die Kurse zählen im Schnitt 120 Teilnehmer, rund 20 ReferentInnen treten auf. Weil ich mittlerweile über 80 Jahre alt bin und es nun Zeit ist zum Aufhören, hatte ich für Sommer 2020 die letzte Schulmusikwoche in Form eines Symposiums geplant. Doch Corona machte mir einen Strich durch die Rechnung. Wenn heuer die Schulmusikwoche zustande kommt – was ich hoffe – ,wird es der 100. Kurs und mein letzter sein!

Was lag Ihnen bei der Arbeit mit MusikpädagogInnen besonders am Herzen?

Ich habe die Gewohnheit, dass Sprüche auf meinem Schreibtisch stehen, und da gibt es einige, die unsere Schulmusikwochen begleitet haben, weil sie Erfahrungen auf den Punkt bringen. Zum Beispiel: „Sie können nicht aus einem Gänseblümchen eine Rose machen, aber ein lachendes Gänseblümchen". Als Lehrer*In hat man begabte Kinder und weniger begabte Kinder vor sich, die Lehrperson muss abwägen, was möglich ist und was nicht, aber man kann auch ein weniger begabtes Kind glücklich machen! Auch sage ich den MusikpädagogInnen: „Wer unterrichten will, muss etwas wissen, wer erziehen will, der muss etwas sein." Oder: „Erziehung ist Beispiel und Liebe." Wenn die Liebe fehlt, prallt alles Beispiel am Kind oder Jugendlichen ab.

Sie wohnen auf der Hungerburg, aber die „Internationalen Schulmusikwochen" sind in Salzburg. Wie jonglieren Sie diese Herausforderung?

Ich bin oft in Salzburg. Früher ging alles über die Post, um die aus verschiedenen Ländern anreisenden TeilnehmerInnen und ReferentInnen zu erreichen, jetzt organisiere ich alles meist digital. Um ReferentInnen kennenzulernen und evtl. dann auch einzuladen, fahre ich zu entsprechenden Veranstaltungen bzw. Kongressen und bemühe mich um ein persönliches Treffen.

Die Schulmusikwochen zu organisieren, geht mit sehr viel Aufwand einher. Wie verschaffen Sie sich dabei Ruhe?

Mit vier eigenen Kindern ein manchmal schwieriges Unterfangen! – Ausgleich gab mir das Singen im „Kammerchor Walther von der Vogelweide". Wenn es auf Tournee ging, musste ich natürlich jemanden für die Kinder finden. Auch habe ich viel Sport gemacht, fast alle Dreitausender Tirols bestiegen, gehe Skifahren und auch Reiten. Dass ich das Reiten entdeckt habe, hat einen besonderen Grund. Bei einem Autounfall wurde ich schwer verletzt, mein Mann und unsere zwei kleinen Kinder starben. Nach Jahren der Therapie hatte ich noch immer oft starke Schmerzen. Mir wurde Hippotherapie empfohlen, weil beim Reiten alle Muskeln aktiviert werden. Es ist tatsächlich besser und besser geworden – unglaublich, mir hat diese Therapie sehr geholfen. Ich reite auch heute noch. (in dieser Textpassage Bild „Frisch-Rinderer mit Pferd 1"; Bildnachweis: Lotte Frisch)

Welche Instrumente spielen Sie?

Mein „Hauptinstrument" war immer die Stimme. Ich singe einfach gern und mit dem „Kammerchor Walther von der Vogelweide" hatte ich das Glück, Mitglied eines sehr guten Chors zu sein. Wir gaben Konzerte weltweit – von Tokio bis Montreal und New York, in England, Italien und Frankreich ... Schallplatten wurden auch produziert. An Instrumenten habe ich Klavier und Blockflöte gelernt und ein wenig Gitarre, hauptsächlich spiele ich heute Blockflöte und das in dem von mir gegründeten Blockflöten-Ensemble.

Kann man in Ihrer Position „süchtig" werden, neue Instrumente zu lernen?

Es gibt MusikerkollegInnen, die drängt es stark, weitere Instrument zu lernen. Für mich war das kein Thema. Mir war die Arbeit mit Kindern wichtig und die Fortbildung für die LehrerInnen.

Kann man überhaupt jemals zu alt sein, um ein neues Instrument zu lernen?

Nein, man kann auch im höheren Alter ein Musikinstrument neu zu spielen beginnen. Interesse und Freude reichen als Voraussetzung. Singen im hohen Alter anzufangen, ist dagegen schwer, weil die Stimmbänder nicht mehr so gerne mitmachen wollen,
aber singen ist auch im hohen Alter besonders gesund!

Sie haben über die Jahre viele Musikprojekte umgesetzt. Zum Beispiel die musikalische Früherziehung im Zentrum 107 ...

Die musikalische Früherziehung für drei bis sieben Jahre alte Kinder habe ich in Innsbruck 1969/70 gestartet und bis zum Jahr 2000 geleitet. Damals hatten die Musikschulen in Innsbruck kein solches Angebot. Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, schon früh Kinder in Rhythmik einzuführen, Musik zu hören, malen nach Musik, Theater zu spielen etc. Diese ganze Entwicklung mit Bewegung und Rhythmik geht auf Émile Jaques-Dalcroze zurück. Jaques-Dalcroze war in seinem Klavierunterricht immer wieder verärgert, weil die Kinder den Rhythmus nicht in sich hatten. Daraufhin hatte er sie aufgefordert aufzustehen und sich im Rhythmus zu bewegen. Dieser Ansatz war auch für die musikalische Früherziehung sehr wichtig und hat sich überall verbreitet und kam auch zu uns nach Tirol.
Ein weiteres Engagement meinerseits war die musikalische Gestaltung der Kinder-messen wie auch der Erstkommunion- und Firmgottesdienste auf der Hungerburg, nachdem wir dorthin übersiedelt waren. Auch das Flötenensemble, das jetzt regelmäßig beim Mariensingen in St. Nikolaus auftritt, hatte sich auf der Hungerburg gebildet – über die Jahre hielt sich diese Gruppe bei wechselnder Zusammensetzung.
(in dieser Textpassage Bild „Ensemble auf der Hungerburg am 15-2-1987.jpg": Bildunterschrift: Christine Frisch-Rinderer (li.) im Jahre 1987 in der Hungerburger Kirche mit dem von ihr gegründeten Blockflöten-Ensemble.; Fotonachweis: unbekannt)

Etwas Besonderes ist auch der sogenannte „Weihnachtschor", der auf der Hungerburg jedes Jahr zur Christmette auftritt. Und dann die Benefiz-Weihnachtskonzerte in der Spitalskirche. Die möchte ich weiterführen, solange ich gesundheitlich kann. Seit 1985 veranstalte ich dieses Konzert. Der Erlös geht an Einrichtungen für bedürftige Kinder. 2020 konnte das Konzert leider Corona wegen nicht stattfinden. Paul Flora, der bis zu seinem Tod auf der Hungerburg lebte, hatte für uns die mittlerweile vielen bekannte Zeichnung angefertigt, die zum Erkennungslogo für unser jährliches Benefizkonzert wurde.

Viele unserer Dreiklang-LeserInnen glauben an Gott. Spielt der Glaube auch in Ihrem Leben eine Rolle?

Er spielt in meinem Leben eine Rolle. Ich versuche, den Glauben zu leben. Das heißt nicht, dass ich jeden Sonntag in die Messe gehe. Schon vor dem Unfall hatte ich mit Gott und unserem Leben gehadert – mein Mann hatte Krebs, ich auch und das mit vier Kindern. Dann kam der Unfall... – das Musikmachen wurde zu meinem Gebet, war mein Hilfeschrei und dann später auch mein Dank für die Kraft, die ich bekommen habe, um zu überstehen – mit meinen zwei Kindern, die mir blieben und mich dringend brauchten. Klar bohrte in mir die Frage, was das Leben noch für einen Sinn hat, doch auch da half mir ein Spruch weiter: „Suche nicht nach dem Sinn des Lebens, sondern gib dem Leben einen Sinn." – Du musst tätig werden, um zu überstehen. Musik kann vieles bewirken und heilen, besonders gut tut, selbst Musik zu machen: Wenn wir einander mit Musik berühren, berührt einer des anderen Herz, Verstand und Seele – alles auf einmal zugleich. Und die Kraft, tätig zu werden, bekomme ich von Gott. Das glaube ich.

Ostern steht vor der Tür. Welche Bedeutung hat die Auferstehungsbotschaft in Ihrem Leben?

Die Karwoche habe ich nie mögen. Das hängt mit meinen Lebenserfahrungen zusammen ... – wenn Sie mich jetzt fragen, wie ich zu Ostern stehe: Ich liebe Weihnachten mehr als Ostern!

Interview: Marion Prieler

Text: Wolfgang Geister-Mähner und Marion Prieler

Fotos: Klaus Spielmann

 

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