Was wollen wir an Veränderungen erhoffen, wenn wir austreten?

Interview mit Universitäts-Professor Dr. Josef Christian Aigner

Der emeritierte Universitäts-Professor Dr. Josef Christian Aigner ist Psychologe und Psychoanalytiker und war Professor an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck. Der St. Nikolauser erzählt von seinem Austritt aus der Katholischen Kirche und seinem Wiedereintritt 256 Jahre später.

Was waren Ihre Beweggründe, warum Sie der Katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben?

 

Meine Entscheidung, 1991 aus der Katholischen Kirche auszutreten, hat eine Vorgeschichte. Ich war in meiner Studienzeit in Salzburg in der Katholischen Hochschulgemeinde sehr engagiert als Funktionär der Katholischen Hochschuljugend. Es war eine sehr aufregende Zeit mit dem Kritischen Katholizismus der 1970er-Jahre. Die Theologie der Befreiung kam erstmals tsunamiartig von Lateinamerika zu uns und wir Studierende haben uns sozialpolitisch engagiert und sehr gerieben am damaligen Erzbischof Berg. Aber mit dem Studien-Ende und durch den Umzug nach Bregenz ging das, was man Gemeinde nennt, verloren. In Bregenz gab es keine für mich attraktive Pfarrgemeinschaft, wo ich gern mal hingeschaut hätte. Dazu kamen die Bischofsernennungen von Küng und Krenn, höchst fragwürdige Herren für mich als kritischen Christen. Dann haben wir, meine Frau und ich, gesagt: Uns reicht's jetzt. Mit solchen Herren an der Spitze der Katholischen Kirche wollen wir nicht mehr Mitglieder sein. Ich hab' nichts mehr empfunden für die Kirche und sie konnte mir damals auch nichts mehr geben.

Durch den Berufsanfang hatte ich andere Sorgen als eine Kirchengemeinschaft. Und dazu kam, dass der Wissenschaftsbetrieb, in dem ich dann jahrzehntelang tätig war, sich völlig religionslos, ja sogar eher religionsfeindlich anfühlte. Da wird Religion nicht als Privatsache, sondern insgeheim ein bisschen als Spinnerei angesehen. So habe ich es zumindest erlebt. Die wissenschaftliche Szene hat eine gewisse Arroganz allem Transzendenten und Spirituellen gegenüber, obwohl es da auch immer wieder Ausnahmen gibt.

Was führte zur Entscheidung, in die Katholische Kirche wieder einzutreten?

Fast so etwas wie ein „Ruf", der mich mit der Wahl von Papst Franziskus ereilt hat. Da hat mich irgendwas getroffen, was natürlich anschließt an mein jugendliches Engagement für die lateinamerikanische Theologie. Das Charisma von Franziskus und sein gesellschaftspolitisches Engagement, das mir als Christ sehr wichtig ist, haben mich einfach gefesselt von Anbeginn an. Für mich gibt's kein Christsein, ohne etwas dafür zu tun, dass die Welt gerechter wird. Ich hab' fast alle seine Publikationen damals gelesen. Vor allem seine Umweltenzyklika „Laudato Si" war für mich der bedeutendste politische Text, den ich seit Jahrzehnten in der Hand hielt: die Sorge um die Schöpfung und alles, was damit zusammenhängt. Franziskus und seine „Politik" waren ausschlaggebend für meine Entscheidung, 2017 wieder in die Katholische Kirche einzutreten. Wenn die Kirche so einen „Chef" hat, dann wird sie mir schon wieder sympathisch (lacht).

Zusätzlich waren auch Grenzerfahrungen und Endlichkeitserfahrungen mit einer schweren Krankheit ausschlaggebend, also die Frage nach etwas Größerem, als wir Menschen es sind. Grenzerfahrungen meine ich nicht in dem Sinn, dass man meinen könnte, jetzt wird er wieder fromm, weil er krank ist. Ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich überhaupt fromm bin, sondern meine Krankheit führte mich neben einer Auseinandersetzung mit dem Ende auch zu einer Auseinandersetzung mit dem Leiden. Trotz der Krankheit verspürte ich immer eine gewisse Zuversicht in mir, dass schon alles gut gehen wird. Ich war immer getragen von dieser Art „Gnade" oder wie man das nennen will.

Und auch die Begegnung mit ganz konkreten Menschen und die Solidarität mit ihnen haben mich wieder in die Katholische Kirche geführt. Früher hätte mich eine gewisse intellektuelle Arroganz dazu gebracht zu sagen: Naja, die sollen da drinnen in dieser Kirche wursteln, mir egal. Aber heute sage ich: Diese Leute und ihr tolles Engagement für die Kirche will ich nicht alleine lassen, wir müssen alle mitdenken, mitkämpfen und den Wert der lebendigen Gemeinde schätzen lernen. Wenn ich mich manchmal in die Nikolauskirche verirre (grinst), ist das auch ganz was Anderes, als wenn ich einen Live-Stream eines Gottesdienstes zu Hause schaue. Zu glauben und Teil einer Pfarrgemeinde zu sein, hat schon einen Sinn, eben: „Wo zwei oder drei ...".

Hatten Sie schon einmal Momente, in denen Sie Ihre Entscheidung mit dem Wieder-Eintritt bereut haben?

Richtig bereut hab' ich die Entscheidung nicht, weil ich heute ein anderes Verständnis von Kirche habe als damals als junger Mann, der noch weniger Aspekte berücksichtigte wie heute mit über 65. Heute kann ich mir bestimmte Dinge anders erklären als früher. Und ich habe wertvolle bewundernswerte Menschen kennengelernt, die mich begleiten. Allein deshalb würd' ich aus der Katholischen Kirche nicht einfach wieder austreten. Und wenn alle kritischen Leute, alle Reformfreudigen aus der Kirche austreten, dann kannst die Katholische Kirche gleich zusperren. Und was sollen wir dann noch an Veränderungen erhoffen? Ich glaub' jetzt bin ich schon gefangen, jetzt trete ich nicht wieder aus (lacht).

Wenn Sie von Menschen wissen, die mit ihrer Mitgliedschaft in der Kirche hadern, was würden Sie tun?

Es redet mich kaum jemand an, der zweifelt. Ich bin ja kein Seelsorger, höchstens im weltlichen Sinne als Psychotherapeut. Aber wenn jemand damit spekuliert und die Person eine gewisse Glaubensgrundlage hat, eine gewisse Sehnsucht nach dem Transzendenten, würde ich raten, dass es nicht befriedigt, den Glauben alleine zu leben, das wär' nur eine halbe oder gar keine G'schicht. Es braucht ein Miteinander im Handeln und Glauben und das geht so viel leichter in einer Organisation wie der Kirche, die so viele Stützpunkte und eigentlich einen unglaublichen Ressourcenreichtum hat. Natürlich gibt's immer wieder Widerstand wie in jeder Partei, in jedem Club, in jedem Verein. Und auch in der Kirche ist man nicht mit allem zufrieden, aber im Wesentlichen geht es doch um das Gefühl des Miteinanders, dass man nicht allein nach bzw. für etwas strebt oder kämpft.

Im privaten Bereich ist das wieder anders. Ich wurde vor Kurzem Großvater und da steht, nachdem auch meine Kinder ausgetreten sind aus der Kirche, die Frage der Taufe an. Wie meine eigenen Kinder getauft wurden, bemühe ich mich auch um eine Vermittlung und suche zum Beispiel das Gespräch mit meiner Tochter bzw. lebe ihr meinen Zugang zum Glauben vor. Ich glaube ja, dass man selbst die beste Vermittlung ist.

Welche Entscheidungen der kirchlichen Amtsträger heißen Sie gut?

Mein Herz hat zum Beispiel freudig geklopft, als in der jüngsten Vergangenheit angesichts dieser widerwärtig inhumanen Flüchtlingspolitik unserer Regierung der Dekan von Reutte eine schwarze Fahne auf der Kirche gehisst hat. Also der sichtbare Einsatz für die Nächsten oder für die Notleidenden, das ist etwas ganz Wichtiges. Und dieser Einsatz ist für mich unumgehbar politisch. Oder wenn ich merke, dass die Kirche nicht überall mitspielt, sondern ihre warnende Stimme erhebt. Ich denke zum Beispiel an die Diskussion über die Beihilfe zum Suizid und an die Diskussion rund um die Reproduktionsmedizin. Wenn die Leute zum Beispiel davon sprechen, dass jeder ein Recht auf ein Kind hätte; aber ein „Recht auf ein Kind" gibt es für mich nicht. Es gibt Paare, die sich ihren Kinderwunsch aus verschiedenen Gründen nicht erfüllen können. Wenn es naturnahe Methoden gibt, Betroffenen zu helfen, ist das für mich vertretbar. Aber es geht für mich zu weit, wenn Frauen aus Drittländern zu Spottpreisen als Leihmütter benützt werden, um die Kinder der begüterten Nationen auszutragen. Diese Schritte sind für mich schöpfungswidrig! Da bin ich froh, wenn es eine Organisation wie die Kirche gibt, die sich diesem scheinbaren Fortschritt kritisch gegenüber verhält. Ich bin auch froh zu sehen, wie sich in Deutschland der synodale Weg entwickelt und Bewegungen von unten wie „Maria 2.0" geben mir ein bisschen Freude.

Welche Entscheidungen der kirchlichen Amtsträger haben bei Ihnen für Bauchweh gesorgt?

Ich denke da zum Beispiel an das Schlussdokument der Amazonien-Synode und an die Frauenfrage, die im Dokument nicht geklärt werden konnte. Aber ich habe so ein Vertrauen in Papst Franziskus, dass ich seine gewohnte Ungeschminktheit so einschätze, dass wenn er zu den Frauenfragen gar nichts sagt, er diese Dinge auch nicht ausdrücklich ablehnt, sondern dass er sich gegen die beharrenden Kräfte nicht durchsetzen hat können. Womit ich auch nicht einverstanden bin, ist, wenn manche kirchliche Amtsträger eine zögerliche Haltung an den Tag legen, wenn es darum geht, die Regierung wegen ihrer menschenfeindlichen Haltungen zu kritisieren. Da wünsch ich mir nicht so ein ausweichendes Gesumse, sondern ich erwarte mir mehr Mut und Entschlossenheit, was unser Bischof Hermann ja auch gezeigt hat. „Äquidistanz" zu den Parteien darf nicht heißen, dass man alle in Ruhe lässt, egal was sie tun. Manchmal braucht's mehr jesuanischen Zorn!

Welchen Weg gehen Sie als Christ, wenn die Kirche in Kritik gerät?

Wenn mir in der Katholischen Kirche etwas nicht passt und es in einem erreichbaren Bereich liegt, Veränderungen zu schaffen, dann versuch ich mich jetzt einzubringen. Früher hätte ich Vorfälle in der Kirche als Außenstehender kritisiert. Heute beanspruche ich meinen Platz in der Kirche. Wenn ich zum Beispiel an die Missbrauchsvorfälle denke, versuche ich Einfluss zu nehmen, mich einzumischen im besten Sinn des Wortes. Als ich in Kremsmünster im Benediktiner-Stift im Internat war, gab es dort auch Vorfälle von sexuellem Missbrauch, mich selbst Gott sei Dank nicht betreffend. Ich und andere haben uns damals bemüht, den Abt, der aus meiner Klassengemeinschaft war, zu beraten und auch zu kritisieren. Es war uns zu wenig, wie er immer nur auf Angriffe von Opfergruppen reagierte, ohne aktiv auf die Opfer zuzugehen.

Was ist Ihre Meinung zu den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften?

Hier habe ich eine differenzierte Meinung. Die meisten lesen ja nicht genau, was wirklich passiert ist. Es geht nicht um eine Ablehnung der Homosexualität an sich. Franziskus hat sich ja mehrmals aus dem Fenster gelehntund gesagt: „Wer bin ich, dass ich über andere urteilen kann?" Es geht nicht darum, Homosexuelle nicht segnen zu wollen, sondern wenn ich richtig informiert bin, geht es um den Paarsegen bzw. um den Hochzeitssegen. Die Entscheidungsträger im Vatikan sind noch nicht so weit, diesen Schritt zu gehen. Bei den Päpsten muss aber auch mitbedacht werden, dass sie nicht nur eurozentristisch unseren Raum vertreten, sondern die ganze Weltkirche und so auch Länder, in denen Homosexualität nach wie vor als schwere Verfehlung gilt. Man muss immer wieder daran arbeiten, mehr Verständnis der Menschen für dieses Thema zu erlangen.

Was halten Sie vom Argument Kirchenbeitrag, mit dem die meisten Kirchen-Kritiker gegen die Kirche argumentieren?

Das Kirchenbeitrags-Argument ist oft ein vorgeschobenes Argument. Sexualität, Sexualfeindlichkeit, der Umgang mit Sexualerziehung, Frauenfeindlichkeit, Homosexuellenpastoral sowie der Umgang mit Wiederverheiratet-Geschiedenen sind Gründe, warum Menschen aus der Kirche austreten. Wenn jemandem eine Institution nichts wert ist, dann ist es verständlich, dass man keine Steuer dorthin zahlen will. Aber wir zahlen ja auch dem Staat unsere Steuern und verfluchen ihn manchmal, und so auch die Kirche. Außerdem kann man sich informieren, was mit den Geldern des Kirchenbeitrags passiert oder sie zweckwidmen. Da gibt's ja auch viele populistische Vorurteile: „Die Pfaffen machen sich damit ein schönes Leben!" und lauter so Unsinn. Aber den Kirchenbeitrag zu leisten, ist für mich eine Form der Wertschätzung der Kirche und vieler ihrer Aktivitäten. Denken wir zum Beispiel an ihre Umfeld-Organisationen, die karitativen Einrichtungen und andere Hilfsorganisationen einschließlich der in Verruf geratenen erzieherischen Institutionen. Wenn's die nicht gäbe, dann würde unser Staat morgen zusammenbrechen.

Interview und Text: Marion Prieler

Fotos: Klaus Spielmann

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