VI. Station: Veronika reicht Jesus das SchweißtuchAls Katechetin trockne ich viele Tränen, indem ich sie fließen lasse. Man kann die Tränen zerrissener Herzen nicht aufhalten. Oft treffe ich verzweifelte Männer, die im Dunkel des Gefängnisses einen Grund für das ihnen unendlich erscheinende Übel suchen. Diese Tränen schmecken nach Niederlage und Einsamkeit, nach Reue und mangelndem Verständnis. Oft stelle ich mir vor, Jesus wäre an meiner Stelle im Gefängnis. Wie würde er diese Tränen trocknen? Wie würde er die Qualen dieser Männer lindern, die keinen Ausweg aus dem finden, was sie geworden sind, als sie dem Bösen nachgaben?
Eine Antwort zu finden, ist eine mühsame Angelegenheit. Oft bleibt sie unserer kleinen und begrenzten menschlichen Logik unverständlich. Der Weg, den Christus mir weist, besteht darin, diese vom Leiden entstellten Gesichter zu betrachten, ohne dabei Angst zu empfinden. Er verlangt von mir, an ihrer Seite zu bleiben, ihr Schweigen zu respektieren, ihr Leid anzuhören und zu versuchen, sie ohne Vorurteile zu sehen. So wie Christus mit liebevollen Augen auf unsere Schwächen und unsere Grenzen schaut. Jedem, auch den Häftlingen, steht jeden Tag die Möglichkeit offen, zu neuen Menschen zu werden, dank jenes Blicks, der nicht urteilt, sondern Leben und Hoffnung verleiht.
Und auf diese Weise können die vergossenen Tränen zu Knospen einer vorher schier unvorstellbaren Schönheit werden.

Herr Jesus Christus, Veronika hatte Mitleid mit dir. Sie begegnete einem leidenden Menschen und entdeckte darin das Antlitz Gottes. Im Gebet vertrauen wir deinem Vater die Männer und Frauen unserer Zeit an, die auch heute noch die Tränen so vieler unserer Brüder und Schwestern trocknen.
Lasset uns beten.
Gott, du wahres Licht und Quelle des Lichts, der du in der Schwachheit die Allmacht deiner Liebe offenbarst, die bis zum Äußersten geht, präge unseren Herzen dein Antlitz ein, damit wir dich in den Leiden der Menschheit erkennen können. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

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